Die Bestechungsvorwürfe gegen den THW Kiel erschüttern den Handball in- und außerhalb Deutschlands. Das Wirrwarr um Anschuldigungen und Dementis macht die Affäre zunehmend dubioser. ZDFonline zeigt die Fakten auf und stellt die Beteiligten vor.
29. April 2007: Der THW Kiel wird erstmals Champions League-Sieger. Vor über 10.000 Fans wirft der Schwede Kim Andersson kurz vor Schluss das entscheidende Tor zum 29:27 gegen die SG Flensburg-Handewitt (Hinspiel 28:28). Nur eine Entscheidung der beiden polnischen Schiris Baum/Goralczyk wird nach dem Spiel diskutiert: Die Rote Karte gegen SG-Spielmacher Joachim Boldsen, der in der 19. Minute Christian Zeitz gefoult hatte. Die Leistung der Referees, so der allgemeine Tenor, war in Ordnung.
25. Juni 2008: Obwohl er mit dem THW Kiel zum vierten Mal hintereinder Meister geworden ist, wird Trainer Zvonimir "Noka" Serdarusic überraschend beurlaubt. "Ohne seine Kompetenz und sein Engagement wären diese Erfolge nicht möglich gewesen", dankte THW-Gesellschafter Dr. Georg Wegner. Über die Gründe der Trennung wird Stillschweigen vereinbart. Inoffiziell ist von einem schweren privaten Zerwürfnis zwischen Serdarusic und THW-Geschäftsführer Uwe Schwenker die Rede. Serdarusics Frau Mirjana soll die neue Freundin Schwenkers im VIP-Raum vor Sponsoren mehrmals heftig beleidigt haben. Schwenker hatte sich kurz zuvor von seiner Frau, die mit Serdarusics Ehefrau befreundet ist, getrennt.
17. Dezember 2008: Serdarusic unterschreibt einen Dreijahresvertrag bei den Rhein Neckar-Löwen. Der neue dänische Löwen.Gesellschafter Jesper Nielsen verkündet, die beste Handballmannschaft der Welt aufzubauen. Es ist die erste Kampfansage Serdarusics an den THW Kiel.
Dezember 2008: Kurz danach lässt Kiels Superstar Nikola Karabatic erstmals durchblicken, dass er von THW-Manager Uwe Schwenker enttäuscht ist und seinem Lehrmeister Serdarusic zu den Löwen folgen wolle. Karabatic hat jedoch Vertrag bis 2012.
21. Januar 2009: Während der WM in Kroatien kommt es zu verbalen Scharmützeln zwischen dem THW und den Löwen. THW-Coach Gislason wirft Serdarusic öffentlich vor, THW-Profis wie Karabatic, Vid Kavticnik und Filip Jicha abzuwerben. Löwen-Geschäftsführer Thorsten Storm sagt kryptisch: "Wenn es Karabatic ums Geld gehen würde, dann hätte er das Angebot von Ciudad Real angenommen. Es muss also andere Gründe haben, wenn ein Topspieler wie er eine solche Spitzenmannschaft verlassen möchte."
23. Januar 2009: Die WM läuft noch, aber Karabatic meldet sich auf seiner Homepage zu Wort. Er wirft Schwenker vor, sein Versprechen, bis 2012 unter Serdarusic Handballspielen zu können, gebrochen zu haben. "Die Chefs, die ich respektiere, haben ihr Wort nicht gehalten."
1. Februar 2009: Am Abend nach dem WM-Finale in Zagreb gibt es ein Gespräch zwischen Schwenker, THW-Gesellschafter Dr. Hubertus Grote und Löwen-Gesellschafter Nielsen im Hotel Esplanade. Schwenker soll drei Millionen Euro Ablöse für Karabatic gefordert haben. Nielsen lehnt ab und berichtet später,
11. Februar 2009: Die Eheleute Serdarusic empfangen Löwen-Gesellschafter Nielsen, Löwen-Geschäftsführer Storm und einen Rechtsanwalt in ihrem Kieler Haus. Die drei Löwen-Vertreter berichten, Serdarusic habe ihnen in einem vierstündigen Gespräch detailliert erzählt, wie der THW seit 2000 Spiele in der Champions League verschoben habe. Laut Nielsen soll Serdarusic sogar Bankbelege gezeigt haben. Serdarusic bestreitet dies später.
16. Februar 2009: Während einer Gesellschafterversammlung der Löwen werden Serdarusics Berichte vorgetragen. Grund für die späte Zusammenkunft ist ein USA-Urlaub von Daniel Hopp, einem wichtigen Löwen-Gesellschafter. Die Versammlung beschließt daraufhin, Serdarusic nicht als Trainer zu beschäftigen, so soll es jedenfalls im Protokoll der Sitzung stehen.
Mittwoch, 25. Februar 2009: Serdarusic und die Löwen geben bekannt, den Dreijahresvertrag aufgehoben zu haben. "Aus gesundheitlichen Gründen kann ich nun doch nicht auf die Trainerbank zurückkehren", wird Serdarusic in einer Presseerklärung der Löwen zitiert.
Donnerstag, 26. Februar 2009: Dieter Matheis, Beiratsvorsitzender der Löwen, schreibt in seiner Funktion als Aufsichtsratsmitglied der deutschen Handball-Bundesliga (HBL) einen Brief an Schwenker. Darin bittet er um Aufklärung über die Vorwürfe zum Finale 2007. Matheis informiert gleichzeitig den HBL-Aufsichtsratschef Manfred Werner, indem er ihm den Brief vorliest. Werner beschließt, eine Sondersitzung einberufen zu lassen. Die ersten Gerüchte in dieser Sache sickern durch.
Samstagnacht, 28. Februar 2009: HSV-Hamburg-Präsident Andreas Rudolph, der seine Mannschaft zum Champions League-Spiel in Pamplona begleitet, informiert ganz offenbar einige Hamburger Journalisten über den Vorgang.
Sonntag, 1. März 2009: Die Gerüchte versetzen die gesamte Liga in Aufruhr. Der Vorgang wird dadurch öffentlich, dass zunächst Matheis und dann auch Werner dem Flensburger Tageblatt die Existenz und den Inhalt des Briefes bestätigen.
Montagabend, 2. März 2009: Erste informelle Krisensitzung im Tagungshotel "Gastwerk" in Hamburg-Bahrenfeld. Teilnehmer sind Matheis, Schwenker, Schwenkers Anwalt Matthias Nebendahl, Rudolph, HBL-Präsident Reiner Witte und HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann. Nach 100 Minuten gibt Witte bekannt, es lägen keine "belastbaren Beweise" vor. Schwenker erklärt, der THW habe nie Spiele manipuliert. Mathies sagt, er gebe sich mit dem Wort des Ehrenmannes Schwenker zufrieden. Alle sprechen davon, der Handball trage einen "Imageschaden" davon. Die Sache scheint erledigt.
Dienstagmittag, 3. März 2009: Zweite Krisensitzung in Hamburg, diesmal tagt der HBL-Aufsichtsrat zwei Stunden. Werner verliest hinterher eine dürre Presseerklärung: "Wir haben den gesamten Themenkomplex ausführlich diskutiert. Der Aufsichtsrat sieht weiteren Informationsbedarf." Für dieses Gremium, dem neben Werner auch Rudolph angehört, scheint die Sache nicht erledigt.
Mittwochnachmittag, 4. März 2009: Dritte Krisensitzung, diesmal tagt das HBL-Präsidium unter Führung Wittes am Sitz des Verbandes in Dortmund. Danach wiederholt Witte seine Ausführungen vom Montag. Das Präsidium habe "alle Möglichkeiten der Befragung ausgeschöpft, die zur Sachverhaltsaufklärung beitragen können. Alle Informationen wurden geprüft. Weitere Informationen liegen nicht vor", heißt es danach.
Freitag, 6. März 2009: Die Europäische Handball-Föderation (EHF), an der Spitze Generalsekretär Michael Wiederer, erklärt den Fall für erledigt. Es gebe keine Grundlage für Ermittlungen. "Die EHF ist sich zudem bewusst, dass solche Behauptungen und Medienberichte höchst schädlich für die Reputation des Handballs seien", so der Veranstalter der Champions League in einer Stellungnahme.
Samstag, 7. März 2009: Der "Spiegel" meldet vorab weitere Informationen zum Fall und erschüttert die Handballwelt erneut: Das Finale allein soll 96 000 Euro gekostet haben. Es gehe um mindestens zehn Champions League-Spiele, unter anderem das Halbfinale 2007 gegen Portland San Antonio. Der mit "Die Könige von Kiel" überschriebene Artikel erschüttert die Sportart.
Sonntag, 8. März 2009: Die Staatsanwaltschaft Kiel nimmt Ermittlungen gegen Schwenker (Verdacht der Untreue) und Serdarusic (Verdacht der Beihilfe zur Untreue) auf. Meldungen, wonach der THW Kiel selbst die Ermittlungen initiiert habe, weist die Behörde zurück: Man habe bereits zuvor ermittelt. Noch bevor der THW vom Champions League-Spiel bei Ciudad Real (33:35) zurückkehrt, ist die THW-Geschäftsstelle von Polizeibeamten durchsucht worden. Auch die Wohnungen Schwenkers und Serdarusics sollen Beamte durchsucht haben. Schwenker soll bereits zuvor um Urlaub gebeten haben, um die Vorwürfe zu klären.
Dienstag, 9. März 2009: Die EHF gibt bekannt, sich nun doch um den Fall zu kümmern. Man werde die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abwarten, heißt es aus der Wiener EHF-Zentrale. Parallel werde der Slowake Jozef Ambrus den Fall untersuchen und entscheiden, ob weitere Maßnahmen nötig seien. Andreas Rudolph beantwortet die Fragen der Staatsanwaltschaft Kiel.
Montag, 16. März 2009: Bei der Kieler Staatsanwaltschaft geht der Strafantrag des THW Kiel wegen Verleumdung ein.
Dienstag, 17. März 2009: Nach einer genauen Untersuchung des Champions-League-Finals zwischen dem THW Kiel und der SG Flensburg-Handewitt 2007 sieht der Europäische Handball-Verband keinerlei Anzeichen für eine Manipulation.
Samstag, 21. März 2009: Wie der "Spiegel" berichtet, soll ein enger Freund des Ex-THW-Trainers Noka Serdarusic kurz vor dem Champions-League-Final-Rückspiel gegen die SG Flensburg-Handewitt im April 2007 eine Überweisung aus Kiel in Höhe von rund 56.000 Euro erhalten haben. Mitte Juni seien, so das Magazin weiter, noch einmal 36.000 Euro auf das Konto des Kroaten Nenad Volarevic in Zagreb gezahlt worden.